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WINFRED TABARELLI

Leiter der Polizeidirektion Schleswig-Holstein Süd



Geburtsjahrgang 1940. 1962 Abitur und Eintritt in die Landespolizei Schleswig-Holstein. Ausbildung für die gehobene Laufbahn der Kriminalpolizei. 1966 Kriminalkommissar und Verwendung in mehreren Funktionen und Dienststellen als Kommissariatsleiter, u. a. als Leiter der Mordkommission Kiel. 1973-1975 Studium an der Polizei-Führungsakademie i. Münster/W. für die Laufbahn des Höheren Dienstes der Kriminalpolizei. 1975 Kriminalrat und Verwendung als Dienststellenleiter. Nebenamtlich Dozent für Kriminalistik und Kriminologie an der Verwaltungsfachschule Altenholz. 1980 Kriminaldirektor und Leiter einer Abteilung für nationale und internationale Verbrechensbekämpfung mit den Schwerpunkten Jugend- und Schwerstkriminalität, Organisierte Kriminalität und Drogenbekämpfung. Leiter einer Arbeitsgruppe im nordeuropäischen Raum zur Bekämpfung des Drogenhandels. 1987-2000 Leiter der Kriminalpolizeibehörde und der Polizeidirektion Schleswig-Holstein Süd mit nachgeordneten Stellen in Lübeck, Ostholstein, Stormarn und Herzogtum Lauenburg. Ab 2000 im Ruhestand.

Weitere berufliche Schwerpunkte waren u. a. die Gewaltprävention im Bereich der Jugendkriminalität, die Zerschlagung von Rauschgiftkartellen auf nationaler und internationaler Ebene, die polizeiliche Bekämpfung der rechtsextremen Gewalt von Jugendlichen und die gesellschaftliche Aufklärung über deren Ursachen und Wurzeln. Mehrmonatige Studienaufenthalte bei Polizeistellen in England und Kalifornien. Im Ruhestand Berater der EU in den drei baltischen Staaten im Bereich der Rauschmittelbekämpfung.

Erziehungspflichten ernster nehmen

Winfred Tabarelli

Mit drei erschreckenden Verfallssignalen von Wertemaßstäben bezog der Polizist zu Beginn seiner Ausführungen Position: "Großmutter halb tot getreten", "17-jähriger schießt auf 15-jährigen Jungen", "Pflegeeltern geben Kind jahrelang nicht genug zu essen". Drei alltägliche Polizeivorfälle. Und Herr Tabarelli wagte eine harte These: Schuld an diesem Verfall seien die Eltern. Sie nähmen als Erwachsene ihren Erziehungsauftrag und die Anleitung der ihnen anvertrauten Kinder, Werte, Moral, Recht und Gesetz zu beachten, nicht mehr ernst genug. Auch die Fallzahlen für die Gewalttaten an Schulen und das Mitbringen von Waffen aller Art in den Unterricht sei alarmierend. Von früh auf bekämen Kinder in der Gesellschaft das "Gesetz des Stärkeren", das "Recht der Straße" zu spüren. Als Idole würden diejenigen angesehen, welche im Fernsehen oder Kino Probleme mit dem Finger am Abzugshahn einer Maschinenpistole lösten. Und schließlich verinnerlichten sie diese Verhaltensweisen, sie kämen, wie sie meinen, ja auch gut damit zurecht. Bis die Polizei einschreitet! Herr Tabarelli zählt fünf Gründe für dieses Phänomen auf. Erstens sei unsere Gesellschaft im Umbruch von einer Solidargemeinschaft in eine individualistische Gesellschaft, die den Hang zum Egoismus ohne Rücksicht auf andere und ohne moralische Bedenken auslebe. Zweitens sieht er, auch aus obigem Grund, eine Auflösungserscheinung der Gemeinschaften insbesondere in den Städten. Hierdurch würden die allgemeinen Regulierungsmechanismen im Zusammenleben der Menschen ausgehöhlt. Konflikte würden in einer Gemeinschaft nicht mehr verbal ausgetragen, sondern teilweise brutal erledigt. Drittens stelle auch die Politik nicht die richtigen Weichen. Es werde zu viel an den Kindern und der Jugend gespart. Jugendbegegnungsstätten, Schwimmbäder würden geschlossen, Sozialarbeiter und Jugendbetreuer eingespart. Eine Tendenz, die nicht nur die Zukunft unserer Kinder, sondern unser aller Zukunft beeinträchtigt. Eine Umkehr sei hier dringend nötig. Viertens sieht er in der Praxis der Strafverfolgung eine Aufweichung der Rechtsmittel. Eine Bestrafung, gerade der jungen Delinquenten, käme viel zu spät, sie müsste in ummittelbarer Zeitfolge nach einer Straftat greifen. Die bisherige Art der Strafverfolgung vermittle den Täterinnen und den Tätern das Gefühl: "Es passiert ja doch nichts, also kann ich unbehelligt weiter-machen." Letztendlich begründet er mit der Auslegung der Kriminalstatistik, dass auch in Lübeck die Straftaten rückgängig seien, dafür aber die Täter immer jünger und brutaler würden. Sein fünftes Argument: Eltern und Schule müssten ihrer Erziehungspflicht ernsthafter nachkommen. Es werde viel getan, aber eben nicht genug. Die Polizei sei bereit, auch auf diesem Gebiet ihrer Pflicht nachzukommen.

Lübeck, 24. November 1998